Die Verherrlichung neuer Heiliger und Chirotonie - Bischofsweihe des Abtes Agapit

Montag, 11. Juni 2001 23:00
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BischofsweiheBischofsweihe Bischofsweihe

Wie die Verherrlichung neuer Heiliger, so ist auch die Weihe eines neuen Bischofs ein Ereignis, das in der Kirche nicht häufig vorkommt, und ein ganz seltener Fall ist es, daß beides zusammenkommt - das ist ein ganz besonderes, doppeltes Fest.
Ein solches Fest war das am 30. April - 1. Mai. Fünf Bischöfe versammelten sich in Erfüllung der Beschlüsse des Bischofskonzils, und Dutzende Geistliche sowie Hunderte von Betenden kamen zusammen, nicht nur aus Deutschland selbst, sondern aus ganz Europa und aus Rußland, um im Gebet die neuen Gottgefälligen, die Hierarchen Philaret (Drozdov) von Moskau, Ignatij (Brjancaninov) vom Kaukasus, Theophan (Govorov) den Klausner von Vysa und den heiligen Theophil von Kiew, des Narren in Christo, zu verherrlichen und am Mysterium der Weihe des Abtes Agapit (Gorachek), der viele Jahre im Kloster des hl. Hiob von Pocaev (München) den monastischen Weg beschritten hatte, teilzunehmen.
Bischöfliches Bekenntnis und Versprechen

Die Bitte, ich solle über die Feierlichkeiten anläßlich der Verherrlichung der neuen Heiligen und der Bischofsweihe des Abtes Agapit schreiben, war für mich völlig unerwartet. Ja, ich war ein Zeuge dieser Ereignisse, aber ich bin sicher, daß andere - weniger oberflächliche und im Gebet konzentriertere - Augenzeugen, solche, die zweifelsohne das Geschehen tiefer erlebt und verstanden haben als ich, viel genauer und somit auch geistlich lehrreicher über diese Ereignisse berichten könnten. Sie könnten viel vollständiger diese außergewöhnliche, verwandelnde geistige Atmosphäre, die in diesen Tagen in der Münchner Kathedralkirche herrschte, wiedergeben. Mir gelang es leider nicht, ein so volles und ganzheitliches Bild zu zeichnen, sondern ich habe nur versucht, Fragmente in eine Abfolge zu ordnen, und hoffe, daß der wohlmeinende Leser sich selbst erfolgreich darum bemühen wird, diese in eins zu bringen.

Nach Abschluß der Stundenlesung wird der designierte Bischof vom rangältesten Bischof nach seinem Glauben gefragt und liest laut das Glaubensbekenntnis. Er steht bei diesem ersten, kurzen Glaubensbekenntnis auf dem Schwanz des Adlers, der auf dem Teppich abgebildet ist. Bei den beiden erweiterten Glaubensbekenntnissen rückt er jeweils einen Schritt vor.

Bischöfliches Bekenntnis und VersprechenDer Protodiakon führt den zu Weihenden auf die Mitte des Adlerteppichs, stellt ihn mit dem Gesicht zum Altar zwischen sich und dem Erzpriester, der ihn heranführte (Erzpr. Modrag Glisic - Baden-Baden) und verkündet "Mnogaja leta...". (Danach entfernt sich der Neuerwählte in den Altar und steht dort auf einem kleinen Adlerteppich, ohne am Vollzug der Liturgie teilzunehmen bis zum Moment der Weihe)

Bei der Liturgie, nach dem Gesang des "Trishagion" wird der zu Weihende von zwei Erzpriestern an die Königspforte geführt, wo er von zwei Bischöfen in Empfang genommen und dann an den Altartisch herangeführt wird, den er küßt und vor dem er die Knie beugt, indem er sein Haupt auf die Hände legt. Der rangälteste Hierarch legt das Evangeliar auf das Haupt des zu Weihenden. Die Bischöfe halten das hl. Evangelienbuch, das die Hand des Herrn ist, Der den zu Weihenden emporführt.

Der Geweihte steht auf, nimmt Kreuz und Phelonion ab, empfängt den Sakkos sowie darauf je den Segen der umstehenden Hierarchen und wird damit bekleidet. Ebenso empfängt er das Omophorion und den Segen dazu, das Enkolpion (Panhagia), das Bischofskreuz und die Mitra

Faktisch begann das Fest bereits am Samstag, den 28. April, als sehr früh morgens in Begleitung des Erzbischofs Mark die Wegführerin der russischen Diaspora - die Kursker Gottesmutterikone von der Wurzel - aus New-York eintraf, die mit ihrer gnadenvollen Gegenwart alle diese Festtage beschirmte. Am Abend desselben Tages wurde in Gegenwart der Ikone in der Münchner Kathedralkirche von Erzbischof Mark und Bischof Evtichij von Isim und Sibirien unter Assistenz der Kathedralskleriker die Nachtwache abgehalten und am folgenden Tag die Liturgie. Zahlreiche Gläubige waren gekommen, und festlich sang der Chor. Am Ende der Liturgie sprach Bischof Evtichij das Wort der Belehrung.

Am Montag kam nach einem 20-stündigen Flug Erzbischof Hilarion von Australien und Neu-Seeland. Wenig später traf auch der Stellvertretende Vorsitzende des Bischofssynods, der Erzbischof Lavr von Syracuse und dem hl. Dreifaltigkeitskloster ein, der den Feiern vorstehen sollte, und im Laufe des Tages kam noch ein Bischof hinzu - Amvrosij von Genf und Westeuropa. Ich war Zeuge der erhebenden und reinen Freude, mit der die Hierarchen einander begrüßten, sie teilte sich auch den Umstehenden mit. Die gleiche Freude erfüllte jedes Mal unwillkürlich das Herz, wenn in den Fürbitten die Worte über die "Einmütigkeit, Bruderliebe und Gottesfurcht unter uns" erklangen.

Abend des 30. April. Die Münchner Kathedralkirche ist voll. Wie in der Zeit der Blüte die Luft von Wohlgeruch erfüllt ist, so ist die Atmosphäre im Gotteshaus erfüllt von einer wunderbaren Festlichkeit. Die Gesichter der Versammelten scheinen von einem inneren Licht erleuchtet, von überallher erklingen die freudigen Begrüßungen: "Christus ist auferstanden!" - und ebenso freudig die Antwort: "Wahrhaftig, Er ist auferstanden!"

Äußerlich gesehen ist es eine ganz gewöhnliche Nachtwache: Schöpfungspsalm, dann "Selig der Mann..." (Psalm 1), die Stichiren zu "Herr ich rufe zu Dir...", "Heiteres Licht heiliger Herrlichkeit...", die Lesungen aus dem Alten Testament, das Gebet: "Würdige, Herr, an diesem Abend...", sodann die Litija vor der Kirche, der Vladyka Ilarion vorstand, und weiter geht es in der gewohnten Weise, alles wie immer. Und doch gleichzeitig - alles ungewöhnlich! Alles ganz besonders! Als ob gleichzeitig, parallel dazu etwas dir Unsichtbares geschieht, eine Wirkung, die den gewohnten Gottesdienst völlig verwandelt. Es bedarf auch eines besonderen wachen Eifers, um nicht mit den Gedanken zum Unwichtigen abzuschweifen, aber der Lohn, den man dafür erhält - die stille, warme herzliche Freude - ist dieser Mühe wert. Beim Kleinen Einzug

Erzpriester Michail Artzymovitch (Frankreich) erhält zu seinem 20.Jahrestag der Priesterweihe (1.Mai 1981 durch Erzbischof Mark in Bad Ems) das verzierte Kreuz.

Der allerfeierlichste Moment ist der Auszug zum Polyeleos. Fünf Hierarchen, eine große Zahl von Priestern und Diakonen sowie Ministranten - der Glanz der Kleider erinnert an die Rüstungen altrussischer Recken - ein Triumphzug! Und dann erklingt das Megalynarion, der Gesang für die neuverherrlichten Heiligen. Wessen Herz zieht sich da nicht zusammen, wird nicht zu Tränen gerührt, wenn plötzlich der vielstimmige Chor ansetzt: "Ve-li-ca-a-ajem..." - wie liebe ich es, wenn viele Geistliche singen, aber wie schön müssen dann die Engel in den Himmeln singen und Christi Heerscharen feiern...

Verherrlichung der Heiligen. NachtwacheBeiderseits der wundertätigen Kursker Gottesmutterikone von der Wurzel, der Hodigitria (Wegführerin) der russischen Emigration liegen die Ikonen der neuverherrlichten Heiligen - hl. Theophil von Kiew, hl. Ignatij (Brjancaninov), hl. Philaret von Moskau und hl. Theophan der Klausner.

Nach Abschluß der Nachtwache und der Lesung der ersten Stunde beginnt die Ernennung des Abtes Agapit zum Bischof. Hat man nicht auch in den Zeiten der Apostel in vergleichbarer Weise zu Bischöfen ernannt? Mir scheint das Entscheidende in der Antwort des Kandidaten zu liegen: "Ich nehme es an und widerspreche in keiner Weise". Dann erklingt die "Rede zur Ernennung" - das Wort des Kandidaten zur Kirche, die ihn zu diesem schwersten Werk des bischöflichen Dienstes berufen hat. Es ist, als wäre die Rede ohne Emotion, sie ist so völlig ruhig und scheint bis zum letzen Buchstaben durchdacht, sie ist streng und, so erscheint es mir, beispielhaft für den der Kirche geleisteten Gehorsam und zugleich der Dankbarkeit an den Lehrer und die Hierarchen für das große Vertrauen. "Seine äußere Ruhe, - sagte mir später über diese Rede einer der Anwesenden, - ist die Frucht einer tiefen Erfahrung echten Mönchslebens". Die folgenden zehn Tage meines Lebens in diesem Kloster haben mir gezeigt, daß es nicht nur hohe, zur Feierlichkeit des Moments passende Worte waren.

BischofsweiheBeim Großen Einzug empfängt der neugeweihte Bischof den hl. Kelch und gedenkt des Metropoliten. Zum Abschluß des Einzugs segnet er das Volk mit den Zwei- und Dreikerzenleuchtern, zum Chorgesang: "Is polla eti despota!"

Dienstag, der 1. Mai. Liturgie. Noch mehr Volk in der Kirche als am Vortag. Beim kleinen Einzug wird der Erzpriester Michail Artzimovitch, der Vorsteher der Auferstehungskirche zu Meudon (Paris), mit einem verzierten Kreuz ausgezeichnet. Vater Michail war der erste Priester, der vom damaligen Bischof Mark geweiht wurde, und ich dachte, daß hier ein mir unbekannter Sinn darin ist, daß diese Auszeichnung jetzt und an diesem Ort geschieht.

"Heiliger Gott, heiliger Starker..."

Im Saal der kathedralkirche. Erzbischof Lavr dankt für den EmpfangEs ist ja bekannt, daß die Handauflegung zur Einsetzung eines neuen Bischofs von den Hierarchen vollzogen wird, aber plötzlich verstehe ich ganz deutlich, daß an der heutigen Weihe alle Betenden teilnehmen, die sich in der geräumigen Kathedrale drängen - die Bischöfe, Priester, Diakone, Ministranten, der Chor (der nicht einfach singt, auf dem Chorpodest stehend, sondern mit der Musik emporsteigt und dort oben schwebt), die Gläubigen. Die Betenden stehen wie eine Wand, die Freude auf ihren Gesichtern fühle ich mehr, als ich sie sehe, schweigendes Hochgefühl, Ergriffenheit, Tränen... Ihre Blicke streben in den Altarraum, wo das Mysterium geschieht. Oder geschieht es vielleicht im Himmel, während hier nur der sichtbare und gar nicht der geheimnisvolle Teil desselben ist? Der Kandidat, der hier in München so geliebte Abt Agapit, den ich schon in den wenigen Tagen, die ich bereits im Kloster verbracht hatte, liebgewonnen habe, kniet vor dem Altartisch, während die Hierarchen über ihm beten, ihre Hände auf seinem Kopf haltend. Aber die Herzen aller, und das versteht sich irgendwie von selbst, streben noch weiter: Sie fliegen gleichsam dem Chor nachfolgend empor und fließen im oberen Gewölbe der Kathedrale zu einem gemeinsamen Rhythmus zusammen, zu einem einzigen Atem: "Kyrie e-le-ison!.. Christus ist auferstanden!.. O Herr!.. Christus ist auferstanden!"

Endlich ist es vollbracht.

Vladyka Lavr führt den neuen Bischof durch die Königspforte aus dem Altar. Mein Herr, da ist er, der neue Kirchenfürst, Bischof von Stuttgart Agapit, den Du berufen hast, recht zu verkünden Dein Wort der Wahrheit. Er ist erhaben in seinen glänzenden königlichen Kleidern, sein Gesicht ist wunderschön, auf ihm ist das Siegel des Glanzes Deiner Demut, Sanftmut und Liebe. Nur Du allein weißt, was jetzt im Herzen dieses Menschen vorgeht... Mein Herr und mein Gott, hilf ihm, festige ihn!

Vor dem Ende der Liturgie folgte noch das Wort des Erzbischofs Ilarion über die neuverherrlichten Heiligen, mit einer kurzen Lebensbeschreibung eines jeden von ihnen, und dann zum Schluß das tiefempfundene Wort des Erzbischofs Lavr über die Bedeutung und Verantwortung des bischöflichen Dienstes, als er dem neuen Vladyka den Bischofsstab in die Hand gab, das Zeichen der Vollmacht eines Hierarchen.

Da war noch das Festmahl mit zahlreichen Gratulationen seitens der Mitbrüder-Bischöfe, der Priester, der Äbtissinen Moisseia und Elisaveta, die eigens aus dem Heiligen Land gekommen waren, der Gemeindemitglieder. Es gab viele Geschenke und Gaben, so daß Erzbischof Mark in seiner Rede scherzte, Bischof Agapit sei der "begabteste Bischof der Russischen Auslandskirche". Da der Gemeindesaal unmöglich alle Gäste fassen konnte, nahm ein großer Teil, meist die jungen Gläubigen, auf der Wiese und im Schatten des dort aufgeschlagenen Zeltes Platz.

Münchener Kathedralkirche. Vor dem neuen Glockenturm und Haupteingang vollzieht Erzbischof Ilarion die Litija. Besonders ist mir noch der Bericht Vladyka Agapits in Erinnerung geblieben über seinen Weg zum Mönchtum, und auch wie einfach, wie rührend er sich an seine Mutter wandte, die den Feiern beiwohnte; seine Erinnerungen über seine erste Begegnung mit dem Mönchtum bei einem Besuch in Jordanville prägten sich mir ein, er zeichnete den damaligen jungen Mann, sich selbst, mit einer so gütigen Ironie. Ich denke zurück an die zahllosen Begegnungen mit den verschiedenen Priestern, an die Gemeinschaft mit der Bruderschaft des Klosters, den Gläubigen der Münchner Kathedralkirche und den Pilgern aus ganz Deutschland und Europa. Ich weiß, dass der eigentliche Sinn dieser unvergesslichen Tage von mir noch nicht erschlossen ist. Allmählich wird er sich mir, so hoffe ich, im Weiteren erschließen (wie wohl einem jeden, der Augenzeuge dieses Festes war), und er wird mein Leben beeinflussen in einer Weise, die Gott allein kennt, indem er dieses mein Leben leiten und berichtigen wird. Wenn ich von Anfang an in meinem Gedächtnis die Geschichte meiner Pilgerfahrt durchgehe, die aus einer ganzen Reihe von Gründen gar nicht stattfinden konnte, und dennoch stattfand, dann finde ich vieles, was mich erstaunt und bewegt, und zugleich zwingt, mich zu fragen: "Weißt du denn, warum all das in deinem Leben geschehen ist?" Diese Frage klingt streng, aber die Antwort ist sehr einfach. Vielleicht äußert sich gerade darin eine der gnadenvollen Wirkungen dieses Festes? Vielleicht empfinden alle, die in jenen Tagen in München waren und beteten, etwas Ähnliches.

Herr, mein Gott, behüte uns und erbarme Dich!

Ein Pilger ins Ausland, Mai 2001, München-Isim

Über die Ikone aller Heiligen Rußlands (Prot. Nikolai Artemoff) in dt.Sprache

Das gläubige Volk in der Münchner Kathedralkirche. Foto vom Chor aus. Im Vordergrund der Chorleiter - Vladimir V. Ciolkovitch.

Im Saal der Kathedralkirche. Bischof Agapit spricht zu den Gästen.

Im Saal der Kathedralkirche. Äbtissin Elisaveta (Gethsemane) reicht Vladyka Agapit den Reisestab (der Silberknauf wurde eigens im Heiligen Land angefertigt).

Priestermönch Evfimij (Kloster des hl. Hiob) wird mit dem Epigonation ausgezeichnet

Am Eingang Zum Saal der Kathedralkirche. Bischof Agapit mit Erzpriester Nikolai Artemoff, Priester Ilja Limberger (Stuttgart) und den Nonnen aus Gethsemane.