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Kathedrale der Hll. Neumärtyrer und Bekenner Russlands in München

der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland

Der Name des Herrn sei gebenedeit in Ewigkeit

(aus dem Zweiten Brief des heiligen Johannes Chrysostomus)
Meiner Herrin, der ehrwürdigen und frommen Diakonissin Olympias, Gruß im Herrn von Johannes.

Dieser Job, wenngleich vom Teufel geschlagen und nicht selber schlagend, zerschlug ihm gleichwohl das Angesicht. Der böse Feind mußte gegen ihn gleichsam seinen ganzen Vorrath an Pfeilen erschöpfen; von diesen Geschoßen getroffen erduldete er fortwährend Anfechtungen aller Art, und zwar alle in der schmerzlichsten Weise. Denn was zählt man — und mit Recht — in erster Linie unter die Widerwärtigkeiten dieses Lebens? Armuth, Krankheit, Verlust der Kinder, Befeindung, Undankbarkeit der Freunde, Hunger, andauernde körperliche Schmerzen, Schmähungen, Verleumdungen, einen bösen Leumund. Das alles ward hier auf einen Leib ausgegossen, auf eine Seele gehäuft; und das Leiden drückte um so schwerer, weil er nicht daran gewöhnt war. Das meine ich nämlich so: Wer von dürftigen Eltern geboren und in einem solchen Hause erzogen ist, der wird die Last der Armuth leicht tragen, weil er daran gewöhnt und darin geübt ist; wer aber von so großen Reichthümern umgeben und in solchen Überfluß gebettet war und dann plötzlich in die dürftigsten Umstände geräth, der wird diese Wandelung der Dinge so leicht nicht ertragen können; sie drückt härter, indem sie einen Ungeübten auf einmal überfällt; ferner: wer zu den gewöhnlichen Leuten gehört und von solchen herstammt und zeitlebens nur eine verächtliche Behandlung erfahren hat, wird sich nicht sehr beunruhigen, wenn man ihn schmäht und beschimpft; wer aber so große Ehren genossen hat, von Allen mit ehrfurchtsvoller Unterwürfigkeit behandelt worden ist, in Aller Mund war und allenthalben so sehr ausgezeichnet und gepriesen ward — wenn ein Solcher der Verachtung und einem bösen Rufe anheimfällt, dann ergeht es ihm gerade so wie Demjenigen, der aus einem reichen Mann plötzlich ein armer geworden ist. Und wiederum. Wer seine Kinder, auch alle seine Kinder verliert, aber nicht zu derselben Zeit, Der hat an den übrig gebliebenen einen Trost für die verlorenen; und wenn er nach einiger Zeit das zweite verliert, so ist das Leid um den Tod des ersten wieder gestillt, und dadurch wird der zweite Schmerz erträglicher; denn er trifft nicht mehr die frische Wunde, sondern die Wunde ist geheilt oder doch gelindert, und Das mindert die Qual nicht wenig. Jener Mann aber sah sich in einem Augenblicke der ganzen Reihe seiner Kinder beraubt, und zwar durch den jammervollsten Tod. Es war ein gewaltsamer und war ein früher Tod, Zeit und Ort waren dazu angethan, den Kummer nicht wenig zu verhehren; denn es war die Zeit des Gastmahls, das Haus den Gästen geöffnet, und dieses Haus wurde für sie zum Grab. Was soll man ferner von jenem in seiner Art eigenthümlichen und unerhörten Hunger sagen, den man kaum näher zu bezeichnen weiß? Soll ich ihn freiwillig oder unfreiwillig nennen? Ich weiß nämlich nicht, wie er zu nennen ist, und ich finde kein Wort für ein Ungemach von so ungewöhnlicher Art. Denn dieser Mann enthielt sich des Mahles, das vor ihm stand, und rührte die Speisen nicht an, die er da aufgestellt sah. Der üble Geruch aus den Wunden seines Leibes, der ihm entgegen kam, benahm ihm die Eßlust und machte ihm alle Speisen zuwider. Das gab er kund, als er sagte: „Ich sehe, meine Speisen sind lauter Gestank.“(Job 6, 7 (nach der Septuaginta). Die Übermacht des Hungers wollte ihn zwingen, zu ergreifen, was ihm vorlag; aber der entsetzliche Geruch, der aus seinem Fleische aufstieg, trug über die Gewalt des Hungers den Sieg davon. Daher sagte ich auch: ich weiß diese Art von Hunger nicht näher zu bezeichnen; freiwillig? allein er wollte gern kosten von Dem, was ihm vorlag; oder aber unfreiwillig? allein Speise war vorhanden, und Niemand hielt ihn zurück. Wie wäre ich im Stande, dir all’ seinen Jammer vorzuführen? Denke nur an die Brutstätten der Würmer an seinem Leibe, an den reichlich fließenden Eiter seiner Wunden, die Schmähungen der Freunde, die Verachtung der Hausgenossen (denn, sagt er, meine Knechte schonten meiner nicht und spieen mir in’s Angesicht);(Job 30, 10.) denke ferner an Die, welche wider ihn losfuhren und ihn angriffen(Job 30, 1 ff. (dem Sinne nach). („die ich früher nicht so viel achtete als meine Hunde, die sind jetzt alle zusammen über mich hergefallen, und selbst die Geringsten wollen mir Verweise geben“). Scheint dir nicht Dieß alles recht hart zu sein? Das ist es in der That. Soll ich dir noch sagen, was sein größtes Leiden war, was den Gipfelpunkt seines Unglücks bildete und ihn am meisten ängstigte? Es waren die Stürme und die Wirren, die in seinem Innern tobten. Die waren am schwersten zu ertragen, die machten ihm die meiste Angst. Sein reines Gewissen war die Hauptveranlassung zu diesem innern Sturm; dadurch wurde sein Verstand verdunkelt, wurde so zu sagen der Steuermann in Verwirrung gesetzt. Denn die sich vieler Vergehen bewußt sind, wissen doch einen Grund für ihre Leiden aufzufinden, indem sie sich ihre Sünden vorhalten; dadurch können sie beunruhigende Zweifel verscheuchen. Diejenigen hinwiederum, welche sich keiner Vergehen bewußt sind, sondern viel Gutes aufzuweisen haben, wissen, daß ihre Leiden Kämpfe sind und ihnen viele Siegespalmen verschaffen, — wofern sie die Lehre von der Auferstehung kennen und an die zukünftige Vergeltung denken. Dieser Mann aber war gerecht und wußte Nichts von der Auferstehung, und Das peinigte ihn am meisten, daß er die Ursache seiner Leiden nicht kannte, der Würmer und der Schmerzen, dieser Zweifel zerriß seine Seele mehr und mehr. Damit du einsiehst, daß dem wirklich so war, erinnere dich an das Eine: als [S. 496] Gott in seiner liebevollen Güte sich würdigte, ihm den Grund dieser Kämpfe mitzutheilen (damit du dich als Gerechter bewährtest, ist Dieses gestattet worden), da wurde er dermaßen ermuthigt und getröstet, als ob er Nichts von jenen Schmerzen erduldet hätte. Das ergibt sich aus Dem, was er darauf sagte. Aber auch ehe er jene Ursache erfahren hatte, trug er seine Leiden bei aller Betrübniß mit Heldenmuth, und nachdem er Alles verloren hatte, sprach er jenes bewunderungswürdige Wort: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; wie es dem Herrn gefallen hat, also ist es geschehen. Der Name des Herrn sei gebenedeit in Ewigkeit.“(Job 1, 21.)

Quelle: Bibliothek der Kirchenväter http://www.unifr.ch/bkv/index.htm

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